Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Das Kastron


Gesamtplan und Aussenansicht Westtor, flankierender Turm, Rampenhaus Gesamtplan Aussenansicht Westtor, flankierender Turm, Rampenhaus


Grundlegend für das Verständnis des Kastrons wie aller Bauten Andronas ist die Tatsache, dass Androna auf einem Kalksteinplateau errichtet wurde. Dem Besucher des Ortes wird dies nicht bewusst, da der Oberflächenbefund von Wasserreservoiren und Brunnen, Mauern und Türen aus Basalt beherrscht wird. Da Basalt aus kilometerweit entfernten Steinbrüchen herbeigeschafft werden musste, war sein mehr oder weniger intensiver Einsatz entscheidend für die Planung von Bauzeit und Baukosten.

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Südhalle und Wehrgang nach NWDas in erstaunlich kurzer Bauzeit errichtete Kastron wie auch das öffentliche Bad vor seiner Westseite wurden von Thomas, einem reichen Einwohner Andronas gestiftet. Es hat zweifellos eine Bedeutung, dass bei den bisherigen Grabungen schon 18 Inschriften zutage kamen, die ihn erwähnen. Die beiden reich ausgestatteten Bauten, die gemeinsam mit einer großen Weitarkadenbasilika das Ortszentrum prägten, sind eindrucksvolle Zeugen des Wohlstands, der sich in Androna zum 6. Jahrhundert hin entwickelt hatte.
Das Kastron (558-559 n. Chr.), das ein Areal von fast 6000 qm überdeckt, wurde in einem Schichtmauerwerk aus Basalt und gebrannten Ziegeln errichtet. Es führt in der Bautechnik aus der Region heraus und wurzelt zugleich tief in regionaler Bautradition. Mit einer ursprünglichen Gesamthöhe von circa 13 m war es ein gewaltiger, das Ortszentrum beherrschender Bau.

Südwestliche RampeDer Grundriss zeigt eine rechteckige Anlage mit vier Ecktürmen und einem von Pfeilerarkaden umgebenen Innenhof, doppelgeschossigen, an die Außenmauern anschließenden Räumen, einem umlaufenden Wehrgang, jeweils einer von Türmen flankierten Toranlage auf der West- und Südseite, zwei großen zum Wehrgang und zu den oberen Räumen führenden Rampenhäusern und einer Kirche im Zentrum des Innenhofs. Es war eine wehrtechnisch durchdachte Anlage, doch sprechen die Inschriften und die erstaunlich reiche Ausstattung mehrerer Obergeschossräume dafür, dass sie auch als Fluchtburg für die Einwohner des Ortes errichtet wurde. In Einzelzügen der Architektur – den hervorragend konstruierten Rampenhäusern sowie der besonderen Verbindung der unteren Räume mit dem Wehrgang – ist das Kastron bisher ohne Parallele in der Militärarchitektur des 5./6. Jahrhunderts. Fest steht jedoch, dass es aufs engste mit den berühmten Bauten von Qasr ibn Wardan, einem Nachbarort Andronas verbunden ist: Mauertechnik und Gewölbeformen, das Nebeneinander von Baudekor in Basalt, Marmor und Kalkstein, die reiche Verwendung von Marmor und Porphyr bei der Innenausstattung sowie das Glasmosaik der Ziegelgewölbe haben dort ihre Parallelen.

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Malerei auf Pfeiler der Westhalle


Auch Wandmalerei gab es in Qasr ibn Wardan, doch blieben nur minimale Reste erhalten. Es ist darum ein besonderer Glücksfall der Überlieferung, dass auf einem Pfeiler der großen Westhalle des Kastrons Malerei gut erhalten blieb – eine Verkündigungsszene -, und darüberhinaus auf der Wand eines Wehrturmes auch Malerei omayyadischer Zeit.

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Eine große Anzahl von Getreidemühlen aus Basalt kam in den Erdgeschoßräumen zutage, während Handmühlen, Feinwaagen, Glasgewichte, Lampen, einfacher Schmuck etc. größtenteils aus den Wohnräumen im Obergeschoß stammen.

Basaltmühle Handmörser Gußform Elfenbeindose BronzelampeBronzering

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Schrankenplatten, Kapitelle, Wasserbecken (Basalt)Südhalle: Kapitell mit Thomasmonogramm (Kalkstein)Zahlreiche Marmorsorten und Porphyr wurden importiert, und für herausragende Elemente der Baudekoration aus Kalkstein und Marmor wurden erfahrene Werkleute Nordsyriens hinzugezogen. Die Materialvielfalt und ein außerordentlich breites Spektrum verschiedener in Basalt wie in Kalkstein/Marmor entwickelter Formen prägten nicht nur das vielfältige Gesamtbild des Kastrons, sondern auch den Innenraum der Kirche des Innenhofes.


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Westhalle mit Einbauten islamischer Zeit nach NW


Nachnutzungsphasen. Die jahrhundertelange, von der zweiten Hälfte des 7. bis in das 14. Jahrhundert führende Nachnutzung des Kastrons verlief in den einzelnen Trakten des Baus unterschiedlich. Sie griff nicht nur mit einer Fülle von Spolienmauern in den originalen Baubestand ein, sie prägte auch tiefgreifend die Situation der Kleinfunde aus byzantinischer wie arabischer Zeit. Alle Erdgeschossräume, die Portiken und das gesamte Hofareal wurden durch Einbauten verändert. Es gibt eine erste große Phase der Nachnutzung, in der Keramik- und Glasfunde, Wandmalerei und eine frühe kufische Inschrift die intensive Nutzung in omayyadischer Zeit belegen. Von den folgenden Nutzungsphasen (9. - 14. Jh.) wurden mehrere Räume auf der Süd- und Westseite nicht erfasst, da sie nach einem Brand, dem vielleicht ein Erdbeben vorausging, verschüttet waren.

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Kirche im Hof, Blick nach Osten


Die Kirche im Kastronhof wurde einige Jahre nach Fertigstellung des Kastrons errichtet. Es war keine Pfeiler-, sondern eine Säulenbasilika, die im Grundtypus, in der Mauertechnik und in den Hauptformen der Baudekoration in lokaler Tradition steht. Überraschend war die intensive Kombination von Marmor, Kalkstein und Basalt im Aufbau der Säulenarkaden-Hochwände, Sie wirft ein neues Licht nicht nur auf andere Kirchen Andronas, sondern auch auf die Kirche von Qasr ibn Wardan.


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Seitenbearbeiter: Matthias Guth